Die Flucht vor den Gläubigern ins Ausland kann böse enden
Neue Westfälische - Juli/2006
"Schuldenfrei in zwölf Monaten durch Privatinsolvenz im Ausland." So oder so ähnlich lauten die Zeitungsanzeigen. Die EU macht’s möglich – behaupten so genannte "Sanierungsberater".
Ihr Angebot: Während der Schuldner in Deutschland sechs Jahre lang alle pfändbaren Einnahmen abgegeben werden müssen, komme er zum Beispiel in Frankreich und in den Niederlanden bereits nach 12 bzw. 36 Monaten in den Genuss der Restschuldbefreiung. Voraussetzung sei "lediglich" ein Wohnsitz in dem betreffenden Land. Gegen eine Gebühr werde alles Notwendige organisiert.
Allerdings ist das Insolvenzrecht komplizierter als dem Leser weiß gemacht wird!
"Allerdings ist das Insolvenzrecht komplizierter als dem Leser weiß gemacht wird", warnt Frank Gallep, Justitiar der Zyklop Inkasso Deutschland AG, Krefeld. Es muss eine Wohnung angemietet und der Lebensmittelpunkt in das betreffende Land verlegt werden; eine Briefkastenadresse reicht nicht aus. "In Frankreich ist der Aufenthalt durch Benzinquittungen, Strom-, Wasser und Telefonrechnungen nachzuweisen", erläutert Marion Saupe, Rechtsanwältin im elsässischen Mulhouse die Hürden für eine französische Privatinsolvenz.
Die attraktiven Fristen beziehen sich immer auf besondere Umstände. In Österreich müssen 30% der Schulden zurückgezahlt werden, um nach zwei Jahren den Rest erlassen zu bekommen. In Holland (3 Jahre) bestimmt der Richter die Quote nach freiem Ermessen. In Frankreich dürfen die Schulden nur "in gutem Glauben" – etwa durch eine geplatzte Bürgschaft – entstanden sein. Am Ende kann die Restschuldbefreiung versagt und eine Summe festgelegt werden, die über bis zu zehn Jahre abgetragen werden muss. Weiteres Risiko: Der Wohnsitz muss mindestens ein halbes Jahr vor dem Insolvenzantrag genommen werden.
Egal, wo die Reise endet: Sie ist nicht ganz billig. Gute Ratschläge gibt es zwar schon für 149 Euro. Eine Full-Service-Betreuung inklusive Wohnsitzbeschaffung und Postservice – natürlich ohne Erfolgsgarantie – kostet immerhin 10.000 Euro. "Das Gros der deutschen Privatschuldner kann eine solche Summe ohnehin nicht aufbringen", so Frank Gallep. "Und wem das dennoch gelingt, der bietet die Summe am besten seinen Gläubigern zum Vergleich an. So wird man seine Sorgen am ehesten los."
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