Forderungsmanagement: Inkasso-Unternehmen bemühen sich um kreative Lösungen bei Zahlungsproblemen

Erfolgsquote bei 50 % Mit Geduld und Diplomatie zum Geld

VDI nachrichten NR. 006 (M.G.) - 06. Februar 2004

Rund 60 % aller deutschen Unternehmen hat es 2003 getroffen: Forderungsausfall. Inkasso-Büros bieten professionelle Hilfe bis hin zur kompletten Übernahme des Finanzbereichs.

Bei Geschäften ist alles möglich. Aber nicht jede Möglichkeit ist auch ein Geschäft. Jedenfalls glaubte Wolfgang W. das große Los gezogen zu haben, als er den Auftrag eines renommierten Bauunternehmens hereinholte. Der innovativen Technik gegen Umweltgifte schien eine glänzende Zukunft beschieden. " Die Umsatzerwartungen haben mich für die Gefahren blind gemacht", sagt der 46-Jährige heute. Alle Energie wurde auf den einen Kunden konzentriert. Als dieser nach sechs Monaten Konkurs anmeldete, gingen auch beim Lieferanten die Lichter aus. Ein Inkassobüro hätte bereits im Frühstadium helfen können. Längst beschränkt sich diese Dienstleistungsbranche nicht mehr aufs Mahnen und Klagen. Das neue Geschäftsmodell heißt "Risikomanagement".

Von Hause aus sind sie Spezialisten für den Forderungseinzug. Nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt den Stein" erinnern Inkassobüros im Auftrag ihrer Kunden säumige Zahler an ihre Pflichten auf gesetzlicher Basis, laufend und konsequent, mit steigendem Druck. Notfalls wird der Rechtsweg beschritten und zwangsvollstreckt. Erfolgsquote: 50 %. Diese vom Verband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. verbreitete Zahl ist ein Durchschnittswert; sehr unterschiedlich sind die Arbeitsstandards und Schwerpunkte der rund 650 Anbieter. Zu den führenden zählen der Creditrefom-Verbund, Schimmelpfeng Forderungsmanagement und Zyklop Inkasso Deutschland.

Die Kosten orientieren sich meist an den Gebührensätzen für Rechtsanwälte. Beispiel: Bei 5000 EUR Forderungssumme 301 EUR, die beim Schuldner geltend gemacht werden können. Hinzu kommt eine Erfolgsbeteiligung. So verlangt z.B. Creditreform 5 % bis 12 % der Forderungssumme, zu zahlen vom Auftraggeber.

Alternativ "managen" Inkassobüros gegen eine Jahresgebühr (Beispiel Zyklop: 460 EUR) sämtliche Inkassofälle. Statt einer Provision fallen Bearbeitungsgebühren an, die als Verzugsschaden vom Schuldner zu tragen sind.

Gute Inkassodienstleister haben den "Holzhammer" längst eingemottet. Sie suchen mit den Beteiligten nach kreativen Lösungen des Zahlungsproblems, wie Ratenvereinbarung oder Stundung. Diplomatie zwischen Gläubiger und Schuldner erhöht die Erfolgschancen und vermeidet Kollateralschäden. Zyklop-Vorstand Martin Ostgathe: "Nach vorübergehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten soll eine weitere Geschäftsbeziehung möglich sein."

2003 gab es für die Inkassobüros zwar viel zu tun, aufgrund der erfolgsorientierten Gebührenstruktur aber vergleichsweise wenig zu holen. " Die Aufträge nehmen zu, andererseits müssen viele Gläubiger aufgrund ihrer Außenstände Konkurs anmelden", so Marion Kremer, Pressesprecherin des Bundesverbandes der Deutschen Inkasso-Unternehmen e.V., Hamburg. Bei Inkassofirmen, die viele titulierte Forderungen bearbeiten, gingen die Bemühungen aufgrund der Anhebung von Pfändungsgrenzen oft ins Leere.

Immer mehr Anbieter sehen sich ohnehin nicht mehr als reine Geldeintreiber. " Risk"- oder "Forderungsmanagement" klingt nicht nur besser, entsprechende Angebote stellen auch neue Ertragsquellen dar und werden massiv ausgebaut. Die klassische Zusatz-Dienstleistung eines modernen Inkassobüros ist die Wirtschaftsauskunft um Forderungsausfälle bereits im Vorfeld zu vermeiden. Weil die Risikominderung vor dem Hintergrund von Basel II durch die Banken besonders gewürdigt wird, verspricht man sich von diesem Geschäftsfeld einiges. Je nach Art und Umfang kostet die Auskunft zwischen 12 EUR und 70 EUR.

Die großen Inkassofirmen kooperieren mit Factoringgesellschaften. Diese kaufen die Kundenforderungen und zahlen in der Regel sofort 75 % bis 90 % und den Restbetrag, wenn der Kunde tatsächlich bezahlt hat. Kosten: 0,8 % bis 2,5 % der Rechnungssumme.

Unter dem Begriff "Order-to-Pay" wird die Komplettbetreuung von Geschäftsvorgängen von der Auftragsannahme über die Bonitätsauskunft bis hin zum Factoring und eventuellem späteren Inkasso verstanden. Versandhäuser und Leasingfirmen haben die Möglichkeit, den kompletten Finanzbereich outzusourcen. Insbesondere Creditreform kultiviert dieses weit über das Risikomanagement hinausreichende Geschäftsfeld.

Wer "nur" an sein Geld kommen will, kann neuerdings bei Zyklop ein individuelles Kundenprofil bestellen. Sämtliche Schritte, die bei der Verfolgung seiner Forderung unternommen werden, sowie die Ergebnisse dieser Maßnahmen werden wahlweise per Email, Fax oder gelber Post an den Gläubiger übermittelt. Dieser kann aus rund 200 Einzelschritten sein individuelles Informationsprofil zusammenstellen und erfährt zum Beispiel, ob und wann der Schuldner die letzte Mahnfrist hat verstreichen lassen oder was die Anfrage beim Grundbuchamt ergeben hat. Vorteil: Man kann sich früh auf alle Eventualitäten einstellen. Die Kosten des "gläsernen Inkasso" sind in der Jahresgebühr enthalten.

2003 haben laut Hermes Kreditversicherungs-AG rund 60 % aller Unternehmen finanzielle Verluste erlitten, weil ihre Auftraggeber nicht zahlten. Der Forderungsbestand der deutschen Inkassobüros belief sich auf etwa 30 Mrd.

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