"Firmenbestatter" bringen Gläubiger um Millionen!
Insolvenz: Vermeintliche Sanierer lassen Lieferanten ins Leere laufen
VDI nachrichten, Düsseldorf, mav - 24. März 2006
Auf Insolvenzverschleppung, Bankrott und Untreue in insgesamt 272 Fällen lautete die Anklage gegen acht so genannte Firmenbestatter. Dass sie vom Landgericht Köln Anfang des Monats nur zu Bewährungsstrafen verurteilt wurden, verdanken sie nicht zuletzt der eigenen kriminellen Energie.
Die überlastete Justiz kapitulierte vor dem Riesenberg von Ermittlungsakten, die immerhin 33 Tiefgaragenplätze füllten; und honorierte die abgelegten Geständnisse großzügig. Der Vorgang rückt wieder einmal eine Branche ins Rampenlicht, in der Täuschen, Tricksen, Tarnen zum Geschäftsprinzip gehören.
"GmbH-Probleme? Insolvenz? Wir wissen, was zu tun ist!" So oder so ähnlich lauten die Zeitungsinserate. Mit ihnen werden Geschäftsführer angeschlagener Firmen geködert, die eigentlich den Weg zum Konkursrichter antreten müssten, sich aber vor den Folgen fürchten: ein ruinierter Ruf, Schulden, Strafen wegen einer verschleppten Insolvenz oder Untreue. Auf einen Schlag, so das Angebot, kann man diese Sorgen loswerden. Denn der Bestatter - er nennt sich vornehm "Sanierer" - hat einen Käufer für die marode Firma.
Der Besitzerwechsel erfolgt mit Hilfe stets dienstbereiter Notare praktisch über Nacht - für einen symbolischen Euro. Der Nachfolger verlegt den Sitz an eine Postfach-Adresse im Ausland, bevorzugt in Spanien oder Osteuropa, wo es Gläubigern nahezu unmöglich ist, Forderungen auf gerichtlichem Weg durchzusetzen. Sogar ein ukrainischer Straßenmusiker reüssierte nach Feststellung der Kölner Richter zum Geschäftsführer deutscher GmbHs.
Professionelle Firmenbestatter managen mehrere Dutzend solcher Fälle gleichzeitig!
"Professionelle Firmenbestatter managen mehrere Dutzend solcher Fälle gleichzeitig", so Frank Gallep, Chef-Justitiar der Zyklop Inkasso Deutschland AG, Krefeld. "Eine bunte Mischung, vom Heizölhandel bis zum Juweliergeschäft, bei der es einzig und allein darum geht, jede der GmbHs geräuschlos von der Bildfläche verschwinden zu lassen."
Für ihre "Dienste" erhalten die Bestatter unter der Hand ein Honorar von üblicherweise 15 % der übernommenen Verbindlichkeiten. Dann schlachten sie etwaiges Restvermögen der Firma aus, wobei nicht selten noch Warenlieferungen oder Kredite erschlichen werden. Dieser Modus Operandi sei "ein besonders schwerer Fall von Bankrott", heißt es im Lagebericht des Bundeskriminalamtes. Die Täter handelten aus Gewinnsucht. Das gesetzlich vorgesehene Strafmaß liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft.
Doch eine Strafanzeige hilft den empörten Gläubigern meist nicht weiter. Wenn es nach aufwändigen Rechtshilfeersuchen zu Ermittlungen kommt, sind wichtige Geschäftsunterlagen bei der Sitzverlegung angeblich auf dem Postweg verloren gegangen oder so lückenhaft, dass eine Rekonstruktion nicht mehr möglich ist. Oft müssen bei mehreren Staatsanwaltschaften geführte Ermittlungsverfahren zusammengelegt werden. Dann wächst der Aktenberg wie in Köln den Ermittlern buchstäblich über den Kopf.
Wenn Gläubiger in die Röhre gucken, ist dafür - so Zyklop-Experte Gallep - allerdings auch "eine gehörige Portion Leichtsinn" verantwortlich. Nur etwa 20 % der Unternehmen überprüften ihre Geschäftspartner. Bei einem überraschenden Geschäftsführerwechsel genüge oft ein Blick ins Handelsregister, um zu erfahren, ob der Nachf??olger bereits an anderen Firmenübernahmen und ggf. Insolvenzen beteiligt war. Man wäre gewarnt, könnte Lieferungen bzw. Zahlungen einstellen und den Staatsanwalt alarmieren, bevor die Firmenunterlagen außer Landes geschafft werden.
Durch eine Änderung des GmbH-Rechts wollte schon die alte Bundesregierung Firmenbestattungen erschweren. Es sollten Zustellungen an Briefkastenadressen erleichtert und die Haftung des Ex-Inhabers erweitert werden. Ein Referentenentwurf wird in Kürze erwartet.
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