Schulden: "Aufschieberitis" kann zu einer Krankheit werden
Mainpost - 21. September 2004
Die Rechnung der Autowerkstatt bleibt monatelang liegen oder gar eine Mahnung; womöglich wird sie gar nicht erst geöffnet - "Procrastination" nennen Psychologen dieses immer häufiger anzutreffende Phänomen (lat.: pro = für; crastinus = der folgende Tag). Auf Hochdeutsch: "Aufschieberitis". Sie befällt die Menschen allerdings unabhängig von ihrem Kontostand. Kein Lebensbereich ist ausgenommen.
Egal, was man sich vorgenommen hat - ob die Steuererklärung oder einen überfälligen Zahnarzttermin - es erscheint plötzlich viel wichtiger, den Dachboden auszuräumen oder Fotos einzukleben. So finden sich immer wieder neue zeitraubende, aber relativ unwichtige Beschäftigungen, denen man nachgehen kann, nur um die eigentlich wichtigen Prioritäten nicht in Angriff nehmen zu müssen. Dr. Friedrich Försterling, Professor für Psychologie an der Universität München: "Ich denke, dass es kaum jemanden gibt, der nicht von Procrastination betroffen ist. Manche schieben nur hin und wieder mal etwas vor sich her, für andere wird das Ganze zu einem schwer wiegenden Problem - etwa in der Partnerschaft oder im finanziellen Bereich.
Die "harten Aufschieber", so der Berliner Psychologe Werner Rückert, leiden regelrecht darunter, dass sie sich Dinge zwar immer wieder vornehmen, am Ende aber doch nicht erledigen. Durch zunehmende Selbstzweifel geraten sie in einen Teufelskreis: Sie öffnen im Fall der liegen gelassenen Rechnung auch die zweite bzw. dritte Mahnung nicht, weil sie dadurch mit ihrem "Versagen" konfrontiert würden; sie blockieren innerlich das Thema Finanzen und verlieren eines Tages die Kontrolle über ihre Angelegenheiten.
Es gibt Fälle, in denen der Gerichtsvollzieher Berge ungeöffneter Post, darunter Mahnungen und gerichtliche Mahnbescheide, vorfindet, obwohl der Schuldner genug Geld auf dem Konto hat oder das Problem anderweitig hätte lösen können
"Dass es schätzungsweise jeder Vierte im geschäftsfähigem Alter bereits mit einem Inkassobüro zu tun bekommen hat, ist mit der wirtschaftlichen Entwicklung allein nicht erklärbar", so Frank Gallep, wissenschaftlicher Beauftragter der Zyklop Inkasso Deutschland AG, Krefeld. "Es gibt Fälle, in denen der Gerichtsvollzieher Berge ungeöffneter Post, darunter Mahnungen und gerichtliche Mahnbescheide, vorfindet, obwohl der Schuldner genug Geld auf dem Konto hat oder das Problem anderweitig hätte lösen können", weiß Gallep zu berichten.
Zyklop bietet neuerdings an, Tilgungsvereinbarungen sozusagen "inkognito" - via Internet - statt im persönlichen Gespräch bzw. Telefonat zu treffen. Das hilft aber nur im konkreten Forderungsfall und löst nicht das eigentliche Problem. Wer unter Procrastination leidet, kann im Extremfall einen Verhaltenstherapeuten aufsuchen; allerdings zahlen die Krankenkassen die Behandlung nur bei nachgewiesenen Depressionen oder Ängsten. Professor Försterling rät zu Selbsttrainings, in denen die inneren Einstellungen, die das Aufschieben verursachen, überwunden werden.
Informationen über Procrastination unter: www.zyklop.de
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