"Besuch mit kugelsicherer Weste"
Schuldeneintreiber des "Russisch Inkasso" setzen mit einem Mafia- und Stasi-Image auf die Angst der säumigen Zahler.
NRZ - 14. September 2004
Berlin. Von den Pleitewellen der letzten Jahre hat eine Branche profitiert, mit der Verbraucher am liebsten niemals etwas zu tun haben möchten. Inkassofirmen haben zuletzt einen regen Zulauf verzeichnet und nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) 2003 rund 4 Mrd E bei säumigen Schuldnern eingetrieben.
Die Auftragsbücher der bundesweit rund 500 zugelassenen Schuldeneintreiber sind zwar nach wie vor gut gefüllt - aber nach Darstellung des Verbandes wird es immer schwieriger, die Forderungen auch tatsächlich einzutreiben. "Die goldenen Zeiten sind vorbei", heißt es beim BDIU. Einerseits, weil die Konjunktur wieder an Fahrt gewinnt und wieder weniger Pleiten registriert werden. Andererseits aber auch, weil bei vielen Schuldnern nur noch mit größerem Aufwand an Geld zu kommen ist.
Ein Forderungsmanagement der besonderen Art bieten angesichts der wachsenden Zähleibigkeit mancher Schuldner nicht zugelassene Inkassounternehmen wie das "Inkasso Team Moskau" (ITM) an. "Ihr Schuldner muss kein russisch können - er wird uns auch so verstehen!", wirbt ITM auf seinen Internet-Seiten. Ohne Zweifel ein deutlicher Hinweis auf mögliche Methoden, mit denen zahlungsunwillige Schuldner zur Vernunft gebracht werden sollen. "Russisch Inkasso" nennen Fachleute die zwielichtige Form des Geldeintreibens.
"Ihr Schuldner muss Besuch bekommen! Besuch von russischen Spezialisten!": So bot die Briefkastenfirma Robin Hood Consultings mit Sitz in Amsterdam ihre Dienste an. Persönlich vorbeischauen wollte man jedoch erst, wenn "höfliche Briefe" oder später auch "unschöne Fotos" nichts gefruchtet hätten.
Was säumige Zahler dann erwarten könnte, deutete eine Firma namens "Moskau Inkasso" nach Angaben des BDIU folgendermaßen an: "Wir sagen Ihne glaich, dass wir nicht kommen zu trinken Kaffee! Besser ist, sie zahlen und wir alle sind Freunde."
Psychologische Kriegsführung
ITM-Chef Werner Hoyer, einst CDU-Stadtrat in Celle, versichert zwar, dass ITM Schuldner weder nötigt, bedroht noch gewaltsam attackiert und alles legal abläuft. Aber Angst wollen sie schon machen, die durchtrainierten ITM-Herren mit kugelsicheren Westen in schwarzer Garderobe, wenn sie zum Hausbesuch erscheinen.
Es geht um "psychologische Kriegsführung" - und die Assoziation mit der russischen Mafia entsteht dabei nicht zufällig. "Die sollen glauben, wir sind von der Russen-Mafia", vertraute der russischstämmige ITM-Außendienstleiter Igor Kulikow, Freizeitsport: Kickboxen, dem "Spiegel" an.
Mit Russland indes haben Inkassobüros wie ITM dennoch eher weniger zu tun, auch wenn schon mal ein Mahnschreiben in Moskau abgesendet wird. Andere Firmen, wie sie etwa in Berlin operieren, pflegen mit einem Vokabular wie "Vollkontakt" beim Umgang mit Zahlungsunwilligen ganz bewusst ein Stasi-Image, um renitenten Schuldnern Angst einzujagen.
Seriösen Inkassofirmen, die vom örtlichen Gerichtspräsidenten eine Erlaubnis für ihr Geschäft haben, sind die russischen und anderen, an der Grenze zur Legalität operierenden Geldeintreiber ein Dorn im Auge, weil sie die Branche in ein zwielichtiges Licht rücken. ITM, meint etwa Martin Ostgathe, Chef der Zyklop Inkasso, sei "ein illegales Unternehmen, das vorgibt, russischer Herkunft zu sein und mit besonders effektiven Methoden zu arbeiten".
Und der Zyklop-Chef warnt ebenso wie der Verband der Inkassounternehmen, dass sich Auftraggeber angesichts zweifelhafter Methoden möglicherweise selbst strafbar machen. So wurde in Stuttgart ein Geschäftsmann wegen gemeinschaftlicher Erpressung verurteilt, der sich auf eine nicht zugelassene Inkassofirma eingelassen hatte.
Klagen gegen ITM blieben bislang aber offenbar wirkungslos. Die Firma fühlt sich zu Unrecht der Illegalität bezichtigt: "So versuchen sich oft Gauner, Betrüger und Schuldnerhaie durch eine Strafanzeige vor ITM zu schützen - bisher völlig zweck- und erfolglos", verteidigt sich das "Inkasso Team Moskau". Kritiker werfen den Geldeintreibern, die auf "russische Art" operieren, zudem Geldschneiderei vor, weil oft Mitgliedsbeiträge, Vorschüsse und vergleichsweise hohe erfolgsabhängige Honorare fällig werden.
Geballte Kritik der Branche
Die geballte Kritik der Branche lässt Hoyer und seine Leute kalt: "Wir sind kein herkömmliches, normales, zugelassenes Inkassounternehmen - und wollen es auch nicht sein. Suchen Sie mehr? Dann ITM. Oder etwas anderes? Dann auch ITM", so die offensive Werbung.
Vor allem Handwerker, die angesichts einer fortschreitend abnehmenden Zahlungsmoral von Bauherren selbst in Insolvenznöte geraten sind, nutzen bislang das anrüchige Forderungsmanagement - mehr als die Hälfte der Aufträge für Firmen wie ITM kommen von geprellten Handwerksmeistern. Vor allem im Osten boomen die Geschäfte, aber auch für leidgeprüfte Gläubiger im Westen scheint "Inkasso brutal" immer häufiger die letzte Hoffnung zu sein, wie der BDIU berichtet. (NRZ)
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