Drohbriefe aus Moskau

Wenn die Zahlungsmoral nicht stimmt, wittern andere ihr Geschäft: Manches Inkasso-Unternehmen setzt Schuldner mit unfeinen Methoden unter Druck, damit Geld an den Auftraggeber fließt.

Süddeutsche Zeitung (von Stefan Weber) - 20. August 2004

Der Text steckt voller Rechtschreibfehler, und die Formulierungen klingen sehr holprig. Aber das Versprechen, das die Firma Inkasso Team Moskau in einer Anzeige abgibt, dürfte für viele Gläubiger verlockend sein: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Ihnen Ihr Geld wieder zu holen“, heißt es dort.

Eine Bezahlung gebe es nur im Erfolgsfall. An seinen Methoden lässt das Unternehmen wenig Zweifel: „Ihr Schuldner muss kein Russisch sprechen – er wird uns auch so verstehen.“

Wenn das beauftragte Unternehmen unkonventionell arbeitet, macht sich auch der Auftraggeber strafbar.

Martin Ostgathe, Vorstand der Krefelder Zyklop Inkasso Deutschland AG, einem der führenden Unternehmen der Branche, warnt davor, sich mit solch zweifelhaften Geldeintreibern einzulassen: „Wenn das beauftragte Unternehmen unkonventionell arbeitet, macht sich auch der Auftraggeber strafbar.“ Bei mehreren Staatsanwaltschaften liegen Anzeigen von Schuldnern vor, die sich durch massive Drohungen von Inkasso-Mitarbeitern unter Druck gesetzt fühlten.

In Stuttgart wurde bereits ein Kaufmann wegen gemeinschaftlicher Erpressung verurteilt, weil er einen unseriösen Geldeintreiber beauftragt hatte, säumigen Zahlern mit „Drohbriefen aus Moskau“ zuzusetzen. Kleine, wenig bekannte Inkasso-Firmen wie beispielsweise die Konstanzer TS weisen potenzielle Kunden darauf hin, dass ihre Mitarbeiter zwar „konsequent auftreten“, aber keine „professionellen Schläger“ seien.

"Unbezähmbarer Rückzahlungswille"

Vielmehr arbeiteten sie auf der „psychologischen Ebene, um bei Schuldnern einen unbezähmbaren Rückzahlungswillen zu wecken“. Angesichts der schlechten Zahlungsmoral äußert Ostgathe zwar Verständnis dafür, dass Gläubiger aufhorchen, wenn sie von russischem Inkasso hören. Aber nach seiner Beobachtung bleiben manche unseriösen Inkasso-Unternehmen trotz aller Versprechen untätig: „Die Forderungen werden nicht eingetrieben, stattdessen werden die Auftraggeber über Mitgliedsbeiträge zusätzlich geschröpft.“

Die Forderungen werden nicht eingetrieben, stattdessen werden die Auftraggeber über Mitgliedsbeiträge zusätzlich geschröpft.

Legal arbeitende Unternehmen besitzen eine Inkasso-Genehmigung des zuständigen Gerichts und unterliegen dessen Kontrolle. Rund 660 Firmen, so schätzt Marion Kremer vom Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen, sind derzeit bundesweit damit beschäftigt, angemahnte, aber noch nicht gerichtlich geltend gemachte Forderungen durchzusetzen. Rund vier Milliarden Euro haben sie 2003 eingetrieben.

In diesem Jahr werden es nach Schätzung des Verbandes voraussichtlich nicht mehr sein: „Zwar sind unsere Auftragsbücher gut gefüllt. Aber es wird immer schwieriger, mit den Schuldnern zumindest eine Ratenzahlung zu vereinbaren“, sagte Kremer. Bei frischen Forderungen beziffert sie die Chance für den Gläubiger, durch Einschaltung eines Inkassounternehmens an sein Geld zu kommen, mit 50 Prozent.

Starker Zulauf für die Inkasso-Branche

Überschuldung und Arbeitslosigkeit, aber auch das vorsätzliche Nichtbezahlen von Rechnungen sind weit verbreitet. Daher erhält die Inkasso-Branche seit eineinhalb Jahren starken Zulauf von neuen Kunden. Auch halten es viele Firmen für wirtschaftlicher, ihr Forderungsmanagement einem Dritten zu übertragen. Gleichzeitig sind aber viele Auftraggeber vor allem aus Handwerk und Industrie aus den Kundenkarteien der Inkassounternehmen verschwunden, weil ihr Betrieb zahlungsunfähig geworden ist.

Das Honorar der Inkasso-Dienstleister besteht meist aus einem vergleichsweise geringen Anteil des mit ihrer Hilfe eingetriebenen Rechnungsbetrags. Weil aber bei den Gläubigern – wenn überhaupt – nur noch mit immer größerem Einsatz etwas zu holen ist, werden es die Inkasso-Unternehmen nach Schätzung von Kremer in diesem Jahr schwer haben, so gut zu verdienen wie zuvor.„Die goldenen Zeiten sind vorbei“, meint sie. Viele Jungunternehmer haben allerdings noch Hoffnung: Die Zahl der gerichtlich zugelassen Inkasso-Betriebe steigt kontinuierlich an.

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